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Sehr hohes Alter wird oft mit Schwäche, Medikamenten und langen Arztterminketten in Verbindung gebracht. Doch dieses Bild trifft nicht auf alle zu. In Brasilien gibt es Menschen, die über 110 Jahre alt sind – und dennoch körperlich sowie geistig erstaunlich gesund sind. Ihr Alter verläuft nicht nach dem üblichen Schema. Der Körper scheint sich biologisch anders zu organisieren. Besonders auffällig ist, dass das Immunsystem nicht kontinuierlich abnimmt, sondern sich neu anpasst. Diese Beobachtung macht die Gruppe der sogenannten Supercentenarians in Brasilien für die Altersforschung besonders interessant.
Die Informationen stammen aus einer aktuellen Quelle.Auswertung, erschienen in der Fachzeitschrift _Genomic Psychiatry_ bei Genomic Press. Hauptautorin ist die brasilianische GenetikerinMayana Zatzvom Universitätszentrum São Paulo, zusammen mit Kollegen ihres Forschungsinstituts für Humangenom und Stammzellen.
Seit 2012, als wir moderne genetische Analyseverfahren einsetzten, wurde mir bewusst, dass uns etwas Wichtiges fehlte: ein zuverlässiger Vergleich aus der eigenen Bevölkerung”, sagt Zatz gegenüber SMART UP NEWS. “Bei jüngeren Menschen ist nie sicher, ob sie später altersbedingte Erkrankungen bekommen. Wer im Alter von 100 oder 110 noch gesund ist, gibt jedoch besonders wertvolle Hinweise in seinem Erbgut.
Warum leben Supercentenarians in Brasilien anders?
Das ImmunsystemDiese sehr alten Menschen zeigen kein typisches Verschleißmuster. Bestimmte Abwehrzellen bleiben aktiv, während sie bei den meisten älteren Menschen deutlich seltener sind. Dazu gehören CD8⁺-T-Zellen, γδ-T-Zellen und natürliche Killerzellen. Sie erkennen virusbehaftete oder veränderte Zellen und zerstören diese gezielt.
Besonders auffällig ist eine Zellform, die in der Regel selten vorkommt: stark zytotoxische CD4⁺-T-Zellen. Bei jüngeren Erwachsenen haben sie kaum eine Bedeutung. Bei den brasilianischen Supercentenariern sind sie jedoch Teil der normalen Immunabwehr. Dies deutet auf eine Umstellung hin, bei der das Immunsystem präziser funktioniert und Fehlreaktionen eingeschränkt werden.
Zellreinigung sorgt dafür, dass der Körper stabil bleibt.
Auch innerhalb der Zellen lassen sich Unterschiede erkennen. Systeme, die beschädigte Komponenten abbauen, funktionieren weiterhin effektiv. Dazu gehört das Proteasom, eine Art zelluläre Entsorgungsanlage für fehlerhafte Proteine. Ebenso aktiv bleibt der Prozess der Autophagie, bei dem veraltete Zellbestandteile zerlegt und neu genutzt werden.
Beide Prozesse gelten als entscheidend, um Zellstress einzudämmen. Bei vielen Menschen nehmen sie mit zunehmendem Alter ab. Bei den untersuchten Supercentenarians erreichen sie Werte, die normalerweise bei deutlich jüngeren Personen gemessen werden. Dies sorgt dafür, dass die Zellen funktionsfähig bleiben und schädliche Ablagerungen verhindert werden.
Gene, die Entzündungen bremsen
Ein weiterer Schlüssel befindet sich im Erbgut. Zatz und ihr Team identifizierten seltene Varianten in Immun-Genen wie HLA-DQB1, HLA-DRB5 und IL7R. Diese Gene beeinflussen, wie starkEntzündungsreaktionenausfallen und wie präzise das Immunsystem reagiert. Bei den sehr alten Menschen in Brasilien scheinen sie dazu beizutragen, die Abwehrmechanismen effektiv zu erhalten, ohne den Körper dauerhaft zu belasten.
Besonders auffällig ist die genetische Herkunft. Die Bevölkerung Brasiliens wurde über Jahrhunderte hinweg stark gemischt. Diese lange genetische Vermengung hat zu einer Vielfalt geführt, die in vielen internationalen Datenbanken kaum dargestellt wird. Insgesamt sind in Brasilien mehr als acht Millionen genetische Unterschiede bekannt. Dazu zählen auch Varianten im HLA-System, also in Genen, die eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr spielen und bisher in globalen Vergleichsstudien fehlen.
„Das bedeutet, dass genetische Unterschiede, die in Europa als krankhaft gelten, im brasilianischen Erbgut eine andere Auswirkung zeigen können“, sagt Zatz.
COVID-19 als unerwarteter Härtetest
Besonders interessant war eine Beobachtung aus der Zeit vor den Impfkampagnen in Brasilien: Mehrere der untersuchten Supercentenarians infizierten sich mit SARS-CoV-2, noch bevor Impfstoffe zur Verfügung standen. Sie verliefen die Infektion ohne schwere Folgen. In ihren Blutproben konnten stabile neutralisierende Antikörper nachgewiesen werden, die Entzündungsmarker blieben niedrig.
Am Anfang der COVID-19-Pandemie fanden wir Menschen über 100, manche sogar über 110 Jahre alt, die mit dem Virus in Berührung kamen und entweder nur leichte Beschwerden zeigten oder die Infektion überstanden, erzählt Zatz. „Das lenkte unsere Aufmerksamkeit gezielt auf besonders robuste ältere Menschen.“
Ein besonderer Fall im internationalen Vergleich
Brasilien ist auch international auffällig. Drei der zehn ältesten bestätigten Männer der Welt stammen aus diesem Land. Alterangaben werden von unabhängigen Organisationen wie LongeviQuest und der Gerontology Research Group überprüft. Der älteste bestätigte Mann der Welt kommt ebenfalls aus Brasilien und ist in den Guinness World Records eingetragen.
Schwester Inah, die bis zu ihrem Tod im Jahr 2025 im Alter von 116 Jahren der älteste Mensch der Welt war, gehörte zu der außergewöhnlichen Gruppe von Hundertjährigen in Brasilien. Auch drei der ältesten Männer der Welt stammen aus diesem Land – ohne dass es sich um klassische Blue Zones handelt. © Mayana Zatz
Besonders auffällig ist zudem der Lebensumfeld vieler dieser Personen. Viele lebten ohne ständige medizinische Betreuung. Moderne Präventionsprogramme oder spezialisierte Kliniken waren oft nicht von Bedeutung. Die erzielte Lebensdauer lässt sich daher kaum durch hervorragende Pflege erklären.
Keine Blue Zones in Brasilien
Die Ergebnisse bieten keine einfachen Lösungen für ein langes Leben. Sie zeigen jedoch, dass das Altern verschiedene biologische Wege einschlagen kann. Bei den älteren Menschen in Brasilien scheint es zu einem Zustand aus kontrollierter Stabilität zu führen. Das Immunsystem bleibt aktiv, ohne Schaden zu verursachen. Zellen bleiben geordnet, anstatt Entzündungen zu fördern.
Wir haben in Brasilien keinenBlauen Zonenund keine besondere Diät zur Verlängerung des Lebens. Unsere sehr alten Menschen leben überall im Land verstreut. Was sie verbindet, scheint eine außergewöhnliche genetische Widerstandsfähigkeit zu sein. Dieses biologische Prinzip möchten wir besser verstehen – mit der Hoffnung, dass es auch Menschen ohne ein solches „Premium-Genom“ dabei hilft, gesünder zu altern“, sagte Zatz gegenüber SMART UP NEWS.
Kurz zusammengefasst:
* In Brasilien leben Supercentenärer, die über 110 Jahre alt werden, da ihr Immunsystem über lange Zeit stabil bleibt: Abwehrzellen, Zellreinigung und Reparaturmechanismen funktionieren vergleichbar mit denen von jüngeren Menschen.
* Ein besonderes genetisches Spektrum bietet Schutz gegen Entzündungen: Seltenen Genvarianten zeigen im brasilianischen Genmix eine andere Funktion als in europäischen Bevölkerungen.
* Hier entsteht ein langes Leben ohne Blue Zones oder Diäten: Entscheidend ist eine nachweisbare biologische Widerstandsfähigkeit, auch gegenüber Infektionen wie COVID-19.
Übrigens: Während in Brasilien genetische Vielfalt und ein starkes Immunsystem Menschen auch über 110 Jahre alt und gesund erhalten, zeigen neuere Daten aus Italien, dass uralte Gene aus der Frühzeit Europas ebenfalls einen Einfluss auf die Lebenserwartung haben. Weitere Informationen finden Sie in unseremArtikel.
Bild: © Adam Jones unter CC BY 2.0
Dieser Artikel wurde zuerst von unserem Partner veröffentlicht:Smartup News
