Die Stadionleitung leitete bereits vor dem Anstoß des Bundesliga-Spiels zwischen dem1. FC Kölnund Bayern München, was in kurzer Zeit geschehen würde. Es wurde beobachtet, dass Zuschauer auf der Südtribüne Verkleidungen trugen. Es sei kurzfristig mit dem Zünden von Feuerwerkskörpern zu rechnen, hieß es über die Lautsprecher. Wer sich eingeschränkt fühle oder sogar Verletzungen erlitten habe, solle sich an den Stellen im Stadion melden, deren Positionen auf den Bildschirmen angezeigt wurden.
Es wirkte wie ein Kapitulationszeichen gegenüber den Fans, die offensichtlich ein Feuerwerk planten, das gemäß Stadionordnung verboten war. Dennoch war es auch eine pragmatische Reaktion auf einen Vorgang, den der Verein als Veranstalter realistisch nicht aufhalten konnte. Wie erwartet entzündeten sich kurz nach Spielbeginn Fackeln auf der Tribüne, wobei so viele dabei waren, dass der Rauch später die Sicht behinderte und die Partie für zehn Minuten unterbrochen werden musste. Schlechtes Pyro-Wetter – und eine kostspielige Angelegenheit. Laut Rechts- und Verfahrensordnung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wird pro abgebrannter Pyrofackel eine Geldstrafe von 1000 Euro verhängt. Bei einer Spielunterbrechung von mehr als fünf Minuten kann diese Strafe verdoppelt werden.

Die nächste schwere Strafe droht. Das Feuerwerk auf der Südtribüne während des Pokalspiels gegen Hertha BSC beispielsweise kostete den Verein im letzten Jahr etwa 300.000 Euro. Die Strafe wäre doppelt so groß gewesen, wenn die Kölner nicht zwei Täter ermittelt hätten. Das Karussell aus Fehlverhalten und Sanktionen dreht sich weiter, die Fronten verhärtet sich. Die Fans betrachten die ständigen neuen Strafen als ein ungerechtes System. Während die Bilder der brennenden Tribünen vermarktet werden und das Produkt Stadionbesuch wie nie zuvor boomt, steigen die Strafen. Vereine, Fans, Verband und Behörden befinden sich in einer Zwickmühle.
Es ist Teil der Jugendkultur, sich auch als Opfer darzustellen, als nicht verstanden. Keine Kommunikationsagentur hätte den Spruch besser erdacht: „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren!“ – mit dieser Forderung traten bereits vor Jahren Fußballfans der Öffentlichkeit entgegen, um Feuerwerk im Stadion aus dem Verbot zu befreien. Das Wort „Legalisieren“ unterstellt, dass es, unabhängig von der Komplexität des Themas, nur eines Federstrichs des Gesetzgebers bedürfte, um etwas Gefährliches in ein Alltägliches zu verwandeln. „Emotionen“ sind untrennbar mit dem Fußball verbunden, und „Respekt“? Der europäische Fußballverband (Uefa) setzt das Wort „Respekt“ seit Jahren in den Mittelpunkt seiner Kampagne. Bei internationalen Spielen ist es auf den Trikotärmeln der Nationalmannschaften zu sehen.
Die Anzahl der Vorfälle steigt zwar, was auch aufgrund des Internets, das die Zugänglichkeit pyrotechnischer Materialien erleichtert hat. Doch die tatsächliche Gefahr tritt praktisch nie ein. Früher war es in deutschen Stadien häufig zu beobachten, dass Pyrotechnik als Waffe in Fanblöcke geworfen wurde. Heute hingegen zünden Fans Feuerwerk, um eine farbenfrohe Atmosphäre zu erzeugen. Sie halten eine bengalische Fackel für eine Schwenkfahne und integrieren sie in die Show. Und obwohl viele Zuschauer empört reagieren, sind sie oft einfach begeistert von dem Lichterspiel.
Das Feuerwerk wird unter scheinbar unkontrollierbaren Umständen auf einer Stehplatztribüne gezeigt. Dennoch gibt es Regeln, an die sich die Fans beispielsweise in Köln halten. Böller sind verboten, außerdem gilt die Regel, dass Pyrotechnik nicht aus der Hand genommen werden darf. Im Rhein-Energie-Stadion werden zudem nur Fackeln mit CE-Zertifizierung verwendet, keine Feuerwerkskörper aus unbekannten Quellen. Auf der brennenden Südtribüne von Köln ist es daher wohl sicherer als in der Rauchwolke mancher deutscher Silvesternacht.
Trotzdem – und dies widerspricht der Idee, Fackel und Fahne gleichzusetzen: Auf einer voll besetzten Tribüne stellt ein 2500 Grad heißes Magnesiumfeuer zweifellos eine Gefahr dar. Doch wo könnten Kompromisse gefunden werden?

Der Fußball hat häufig versucht, Pyrotechnik offiziell zu machen. Einmal gab es beispielsweise einen Versuch mit Leuchtkugeln, bei dem ein Verein die Zustimmung des DFB erhielt, die Tribünen in sanftem Lichterleuchten zu tauchen. Die Fans besorgten sich daraufhin riesige Leuchtkugeln, die einen halben Meter lang waren, klebten sie mit Klebeband zusammen und zündeten sie in Gruppen ab. Das war dann gefährlicher als jede CE-zertifizierte Rettungsfackel.
Die staatliche Regulierung wird von DFB und Behörden als eine Sackgasse angesehen. Stattdessen bevorzugen sie es, die sogenannte „Restkriminalität“ in gewissem Maße unter Kontrolle zu halten, wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ aus Kreisen der DFB-Sicherheit berichtet. Der Verband ist sich einig, dass Pyrotechnik nicht gleichgesetzt werden darf mit Gewalt. Zum Beispiel hat der 1. FC Köln zwar eine große Ultra-Szene und steht an der Spitze der Pyro-Geldstrafen-Liste. Allerdings spielt Gewalt in Köln eine eher untergeordnete Rolle. Jörg Alvermann ist seit September letzten Jahres Vizepräsident des 1. FC Köln. Der Anwalt ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe Sportrecht im Deutschen Anwaltverein und beschäftigt sich bereits seit langem mit Fan-Themen. Auch er unterscheidet klar zwischen Pyrotechnik und Gewalt. „Niemand, der so eine Fackel entzündet, hat auch nur das geringste Interesse daran, dass jemand verletzt wird. Um das nochmals klar zu sagen: Wenn so etwas gezündet wird, stehen zwei Leute daneben, die darauf achten, dass niemand in die Nähe kommt“, erklärt er.
Ein Stadion ist kein Gefängnis, denn auch in Gefangenenanstalten finden sich verbotene Gegenstände und Substanzen. Die Mauern dort sind zudem deutlich dicker als jene im Stadion – wo zudem an Spieltagen innerhalb kurzer Zeit 50.000 Menschen hinein- und wieder hinausgehen. Die Chancen, das Feuerwerk ins Stadion zu bringen, sind vielfältig. Vor einem Spiel bewegen sich tagelang Mitarbeiter zahlreicher Handwerksberufe hin und her. Viele Materialien werden angeliefert. Daher kann nicht jede Kiste überprüft werden. Das Gerücht von Fans, die das Feuerwerk durch Körperöffnungen durch die Kontrollen schmuggeln, sollte man wohl kaum ernst nehmen.
Ebenfalls aus dem Bereich des Hörensagens kommt die Geschichte, wonach der gesamte Schmuggel direkt vor den Augen der Club-Verantwortlichen stattfindet. Tatsächlich existieren in den Vereinen lokale Strukturen, denn wenn man die Pyrotechnik weder legalisieren noch verhindern kann, möchte man zumindest den Kontakt zu jenen aufrechterhalten, die dafür verantwortlich sind.
Beispielsweise ist Kevin Brandenburg als Bereichsleiter Fußball- und Fankultur beim 1. FC Köln für den Kontakt zur Szene zuständig. Bei besonders sensible Themen wird er jedoch nicht in die Entscheidungen einbezogen. Für Brandenburg ist dies von Bedeutung, da er andernfalls das Vertrauen der Szene verlieren könnte, falls er über eine geplante Aktion informiert ist, die letztendlich durch eine polizeiliche Ermittlung bekannt wird.
Wenn man aus den gegenseitigen Konfrontationspositionen herausgeht, bietet sich vieles an.
Der Mainzer Rechtsanwalt Till Pörnerder mit einer Arbeit über „Pyrotechnische Zwischenfälle im deutschen Fußball“ promoviert hat
Die Vereine haben nach wie vor Probleme, präzise und angemessen zu reagieren. Entweder werde dramatisiert oder bagatellisiert, sagt ein Sicherheitsverantwortlicher des DFB dieser Zeitung. Am sachlichsten handle die Polizei mit dem Thema. Man sei bereit, zwischen den Situationen zu unterscheiden. Eine zertifizierte Fackel in der Hand eines nüchternen Fans mit gewissem „Handhabungswissen“ sei nicht weiter bedenklich. In solchen Fällen greife man nicht ein. Dennoch bergen auch die ausgestoßenen Rauchgase Gesundheitsrisiken – und zwar in einem Stadion wie in Köln, wo Rauchen verboten ist. All diese Aspekte sprechen gegen eine Legalisierung.
Viele Vereine haben Angst vor einer weiteren Verschärfung der Situation. Es wäre jedoch nicht effektiv, einfach aufzugeben und darauf hinzuweisen, dass man ohnehin keine Möglichkeiten habe. Denn wenn Behörden den Eindruck gewinnen, dass ein Verein die Sicherheit nicht gewährleisten kann, könnten schwerwiegende Folgen folgen. Würden FC-Spiele häufiger außer Kontrolle geraten, könnte das Ordnungsamt die Erlaubnis entziehen.
Es werden dringend Alternativen gesucht, doch es bietet sich kaum etwas an. Auch sogenannte „kalte Pyrotechnik“ erreicht Temperaturen von 400 Grad. Das reicht aus, um jede Jacke in Brand zu stecken. Zudem verbrennen Substanzen bei niedrigeren Temperaturen unordentlicher. Das Ergebnis wäre eine noch größere Unordnung – mehr Rauch, mehr Abgase. Es gab auch Vorschläge, mit Nebelwerfern zu experimentieren. Doch die Fernsehanstalten stimmten diesem nicht zu.
Es bleibt die Option, Feuerwerke in ausgewiesenen Bereichen zu genehmigen, bei denen bekanntermaßen anwesende Anhänger, die einen Pyro-Führerschein besitzen, solche abfeuern. Der Mainzer Anwalt Till Pörner, der über „Pyrotechnische Zwischenfälle im deutschen Fußball“ promoviert hat, kann sich vorstellen, dass Fußballfans mit behördlicher Genehmigung zugelassene Bengalos in sicheren Korridoren zünden. Ähnliche Regelungen seien beispielsweise für Open-Air-Konzerte vorhanden. Auf einer anderen Seite steht jedoch die Frage, ob die Ultrabewegung sich so regulieren lässt und die Politik entsprechende Kompromisse eingehen möchte. „Wenn man aus den gegenseitigen Konfrontationshaltungen herausgeht, ist vieles möglich“, sagt der Jurist.
