Der frühere Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberghatte es bereits vor sechs Jahren bemerkt: „DieArktiswird immer leichter zugänglich und damit umkämpfter“, sagte der Norweger im Februar 2020 in Bezug auf die Auswirkungen des Klimawandels. Dies brachte das Thema in den Fokus der Strategen des Bündnisses, deutlich vor dem US-PräsidentenDonald Trump.
Die Streitkräfte überlegen seitdem, wie die NATO die Arktis undGrönlandsichern. Im September 2025 setzte der Nachfolger StoltenbergsMark Rutteeinen Befehl zur Schutzmaßnahme der Arktis durch die Allianz entwerfen, der im Nordatlantikrat besprochen wurde. In demselben Jahr einigten sich europäische Nato-Mitglieder darauf, ihre Präsenz in und um Grönland zu erhöhen, und ließen dort Marine, Heer und Luftwaffe intensiver üben.
In diesen Tagen untersuchen Soldaten aus Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Kanada, den Niederlanden, Norwegen und Schweden, welche Möglichkeiten sie haben, woher sie in und um Grönland operieren können, wie viele Soldaten benötigt werden und welche Ausrüstung erforderlich ist.
Warum ist die Überwachung des Seeraums um Grönland von Bedeutung?
Grönland befindet sich an einem der bedeutendsten Verkehrsknotenpunkte der nördlichen Halbkugel. Mehrere Seewege verlaufen zwischen Nordamerika, Europa und der Arktis, die für Handel, Energieversorgung, Wissenschaft, Fischerei und Sicherheit von großer Bedeutung sind. Aufgrund des Klimawandels sind diese Routen länger eisfrei, wodurch sie sowohl für militärische als auch zivile Schifffahrt attraktiver werden. Dies erhöht das Risiko von Unfällen, Umweltbelastungen oder politischen Konflikten. Die Überwachung des Seeraums bedeutet hier insbesondere: wissen, wer wo mit welcher wahrscheinlichen Absicht unterwegs ist, um rechtzeitig eingreifen zu können. Während des Kalten Krieges betrieb die NATO zwischen drei und fünf große Radarstationen mit zahlreichen kleineren Radar-Anlagen auf der Insel. Heute ist noch eine Anlage in Pituffik unter US-Verwaltung aktiv.
Existiert eine kontinuierliche russische und chinesische Bedrohung für Grönland?
Es ist nachweisbar, dass Russland ein starkes Interesse am Nordatlantik und der Arktis hat. Daher hat die Nato in den letzten Jahren intensiv U-Boot-Abwehrmaßnahmen im Nordatlantik durchgeführt, zuletzt bei der Übung Dynamic Mongoose 2025. Eine dauerhafte Präsenz russischer Marineeinheiten in der unmittelbaren Nähe von Grönland lässt sich jedoch nicht belegen. Öffentlich zugängliche Satellitenbilder und Tracking-Dienste zeigen auf dem Wasser gelegentlich Schiffe sowie Langstreckenflüge von Aufklärungs- und U-Boot-Jagdflugzeugen. Nachrichtendienste vermuten, dass Russland wie China mit Eisbrechern und Forschungsschiffen Daten im arktischen Raum sammelt. Unter Wasser beobachten sich russische und Nato-U-Boote gegenseitig.
Welche Seegebiete sind wichtig?
Drei Gebiete spielen eine besondere Rolle: die Baffin-Bucht und die Davis-Straße im Westen Grönlands, die die Arktis mit Nordamerika verbinden. Die südöstlich gelegene Dänemark-Straße stellt ein leicht blockierbares Engpassgebiet zwischen Grönland und Island dar. Die Fram-Straße oder Grönland-See im Nordosten ist der wichtigste Durchgang zwischen dem Arktischen Ozean und dem Atlantik. Diese Regionen sind von Bedeutung für den internationalen Schifffahrtsverkehr sowie für staatliche Sicherheitsinteressen.
Ist Seeraumüberwachung nur militärisch?
Nein. Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass Überwachung bedeutet, dass ständig militärische Kräfte im Einsatz sind. Tatsächlich beruht die moderne Seeraumüberwachung größtenteils auf Daten, nicht auf Schiffen und Soldaten. Satelliten, automatische Identifikationssysteme (AIS), Wetter- und Eisanalysen erzeugen ein kontinuierliches Bild der Lage, ohne dass ständige große Truppenverbände stationiert werden müssen.
Welche Rolle spielen Satelliten?
Satelliten bilden die Grundlage der Beobachtung in der Arktis. Besonders entscheidend sind jene, die Schiffe erkennen können, unabhängig davon, ob es regnet, Wolken vorhanden sind oder es dunkel ist. Sie zeigen, wo sich ein Schiff befindet, ob es sein Identifikationssignal deaktiviert hat und wie sich Eisschmelzgrenzen verändern. Für Reedereien und Wissenschaftler sind diese Daten genauso wertvoll wie für militärische Einrichtungen. Weder US- noch Satelliten anderer Länder sind dauerhaft über Grönland positioniert. Dies hat technische Ursachen: Über den Polen ist es physikalisch nicht möglich, Satelliten in geostationärer Umlaufbahn zu platzieren. Dieses Problem kann gelöst werden, indem Satelliten in hochelliptischen Bahnen über der Arktis kreisen und dadurch länger über dieser Region verbleiben. Oder durch bis zu hundert Überflüge pro Tag. Beides ist derzeit weder für die USA gewünscht noch möglich.
Warum sind Satelliten allein nicht ausreichend?
Satelliten erkennen, dass etwas vorhanden ist, jedoch nicht unbedingt, was es genau ist. Wenn ein Kontakt auffällt, ist es wichtig, den Schiffstyp und dessen Verhalten zu identifizieren sowie dessen Absichten vorherzusagen – insbesondere, um rechtlich und völkerrechtlich belastbare Daten zu erlangen. Zudem könnte es notwendig sein, in kurzer Zeit Schiffe mit Flugzeugen oder Drohnen zu überprüfen.
Welche Funktion haben Drohnen und Flugzeuge?
Langstrecken-Drohnen können über mehrere Stunden oder sogar Tage hinweg über ein bestimmtes Gebiet fliegen. Sie eignen sich besonders gut, um Engpässe wie die Dänemarkstraße zu beobachten. Bemannte Flugzeuge und Hubschrauber werden genutzt, wenn eine klare Identifizierung notwendig ist oder eine direkte menschliche Kommunikation sinnvoll ist. Auch dann, wenn verschiedene Organisationen wie die Küstenwache, die Fischereiüberwachung und das Militär zusammenarbeiten müssen. So könnte Deutschland den modernen Seespähflugzeug P-8A Poseidon bereitstellen.
Werden auch Schiffe eingesetzt?
Ja, jedoch gezielt. Eisbrechende Patrouillenschiffe übernehmen Aufgaben, die kein Satellit übernehmen kann: Sie leisten Rettung bei Seenot, überwachen mögliche Umweltverschmutzungen und ihre Besatzungen kontrollieren verdächtige Schiffe.
Wird auch unter Wasser überwacht?
Eine langfristige, umfassende Beobachtung des Meeresbodens ist äußerst kostenaufwendig. Daher ist es realistischerweise ein gezieltes Frühwarnsystem: Sensoren werden an besonders wichtigen Stellen wie der Dänemark-Straße, mit Tiefen bis zu 850 Metern, installiert, um ungewöhnliche Vorgänge frühzeitig zu erkennen.
Wer gewinnt durch die Überwachung?
Bessere Routen- und Eisschutzinformationen stehen den Reedern zur Verfügung. Wissenschaftler profitieren von zuverlässiger Logistik, Fischer von eindeutigen Verantwortlichkeiten und Sicherheit, während Umwelt- und Katastrophenschutz schneller reagieren können. Zivile und militärisch geplante Seebereichsüberwachung wird dadurch zu einem Instrument für Sicherheit und Dienstleistung.
Ist das alles realistisch?
Alle für die Überwachung genannten Mittel sind bereits vorhanden oder werden derzeit eingeführt. Es geht weniger um neue Technologien, sondern um eine bessere Verknüpfung bestehender Systeme, internationale Zusammenarbeit sowie klare Zuständigkeiten. Grönland ist ideal als Drehpunkt für ein arktisches Lagebild, ohne dass es selbst flächendeckend militärisch genutzt wird.
Wie kann man die Pläne der NATO-Strategen in einem Satz zusammenfassen?
Nicht überall vorhanden, aber stets informiert sein; handeln, wenn es erforderlich ist.
